Bericht von der türkisch-griechischen Grenze bei Edirne (DE)

Alle Fotos sind von der Association of Bridging Peoples

Gesehen auf: https://www.halklarinkoprusu.org/2020/03/report-from-the-turkish-greek-border-edirne/

Eine Gruppe unserer Vereinigung reiste am 7. März 2020 nach Edirne, um die schreckliche Situation der Geflüchteten an der Grenze zu beobachten und um die von unseren Freiwilligen und Unterstützer*innen bereitgestellten Hilfsgüter zu verteilen. Die Gruppe verteilte Pakete mit Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln, erhielt Informationen von der örtlichen Bevölkerung und von Gemeindebeamt*innen und kommunizierte direkt mit vielen Geflüchteten.

Von dem Moment an, als wir beschlossen, nach Edirne zu reisen und dies ankündeten, erhielten wir viele Solidaritätsbotschaften mit einer großen Menge an materieller und moralischer Unterstützung.

Auf der Grundlage der Informationen, die wir von, in der Region tätigen, Freiwilligen und NGOs erhielten, begannen wir sofort mit der Erstellung von Listen mit dringend benötigten Hilfsgütern. Am dringendsten benötigt wurden Lebensmittelpakete, Trinkwasser, Babywindeln, Babynahrung, Kinderschuhe, Hygienebinden für Frauen und Kleidung. Innerhalb einer Woche konnten wir all diese Güter kaufen und verpacken. Am Abend des 6. März 2020 luden wir alles in den Bus, den wir für unsere Reise gemietet haben, und kurz nach Mitternacht machten sich 26 von unserer Vereinigung auf den Weg nach Edirne.

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Als sich unser Bus Karaagac (der Stadt in Grenznähe) näherte, beobachteten wir an fast jeder Ecke und jeder Brücke Polizeikontrollen. Einige der Straßen, die zum Grenzkontrollpunkt Pazarkule führten, waren gesperrt, und die Durchfahrt war nur über eine Straße erlaubt. Ab einem bestimmten Punkt durften keine Journalist*innen mehr passieren.

Wir sahen, dass nach der Ankündigung der türkischen Behörden – die Grenzen zu Griechenland seien geöffnet – viele flüchtende Menschen in verschiedenen türkischen Städten das, was sie als Leben aufgebaut hatten, verlassen haben und zur griechischen Grenze bei Edirne eilten.

Von den Arbeitenden vor Ort erfuhren wir, dass die Ufer des Flusses Meric geräumt wurden, die Lebensbedingungen der Geflüchteten an der Grenze unerträglich waren und eine Gruppe von etwa 500 Flüchtlingen am Busbahnhof einigermassen besser versorgt wurden.

Verteilung der Hilfsgüter

Unsere Gruppe brauchte eine Weile, um herauszufinden, wo die mitgebrachten Hilfsgüter verteilt werden können, da uns von der Polizei mitgeteilt wurde, dass in dem Gebiet keine Verteilung erlaubt sei, außer von den offiziellen Mitarbeitenden von Regierungsorganisationen: dem Roten Halbmond und der AFAD (Direktion für Notfallmanagement).

Mit Hilfe eines irakischen Geflüchteten, mit dem wir Kontakt aufnahmen, fanden wir eine Straße, auf der wir Pakete an Flüchtlinge, die sich dem Stadtzentrum näherten, verteilen konnten.

Sobald wir begannen, die Pakete aus dem Bus zu nehmen, versammelten sich die Menschen ringsherum. Den Lebensmittelpaketen wurden Brote und Flaschen mit Wasser beigefügt und wir konnten etwa eine halbe Stunde lang verteilen. Anschliessend verhinderte die Polizei die weitere Verteilung und erklärte erneut, dass nur der Rote Halbmond oder die AFAD Güter verteilen darf.

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Daher mussten wir die Verteilung an dieser Straße einstellen, und wir richteten uns woanders erneut ein: einen Weg, den die Flüchtlinge, die einkaufen mussten, als Abkürzung nach Karaagac nutzten. Wir schlossen die Verteilung unserer Hilfsgüter ab. Bei der Verteilung stellten wir fest, dass die Menschen rücksichtsvoll mit den einander und den jeweiligen Bedürfnissen umgehen. Dank ihres sensiblen und geordneten Verhaltens war die Verteilung leicht zu bewerkstelligen. Während dieses Prozesses lernten wir von den Flüchtlingen, dass die am dringendsten benötigten Dinge warme Jacken, Schuhe, Nylongewebe für Zelte, Reismehl, Halva und Masken waren.

Beobachtungen in Karaagac

Am Nachmittag kam es zu einer Zunahme der Aktivitäten in Karaagac, als die Geflüchteten zum Einkaufen in die Stadt kamen. Bald fanden wir heraus, dass eines der wichtigsten Bedürfnisse, weshalb sie in die Stadt gingen, die Notwendigkeit war, ihre Telefone aufzuladen und nach Power-Banks zu suchen. Mehrere Menschen erzählten uns, dass die Mobiltelefone enorm an Bedeutung gewonnen hätten und dass sie ihre Telefone in Teehäusern und Cafés aufladen würden. Die Geflüchteten, die ihre Telefone an solchen Orten aufluden, wurden jedoch vor unseren Augen von der Polizei vertrieben. Wir sahen, dass einige der Stadtbewohnenden die Flüchtlinge ausnutzten (und die Preise erhöhten), während andere sich solidarisch zeigten und sich der Polizei widersetzten.

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Wir beobachteten auch, dass einige Einheimische die von den Flüchtlingen gekauften Vorräte mit improvisierten Pferdekarren oder Motorrädern transportierten und etwa 15 oder 20 türkische Liras für diesen Dienst verlangten.

Näher an der Grenze verkauften die Bewohnenden der Stadt Strom zum Aufladen von Telefonen, gebrauchte Kleidung, Schuhen und Lebensmittel. Tatsächlich hatten sie einen kleinen Markt eingerichtet, der vom städtischen Sicherheitspersonal kontrolliert wurde.

Schließlich stellten wir fest, dass die Märkte in der Region Waren überteuert verkauften. Nur in einem Laden gab es normale Preise, und da gab es lange Schlangen vor der Tür. Die Geflüchteten kauften dort Brot und Wasser.

Beobachtungen aus dem Niemandsland

Nach der Verteilung der Hilfsgüter stellten wir ein kleines Team zusammen, dem auch ein paar geflüchtete Menschen angehörten, um das Lagergelände an der Grenze zu beobachten. Da die Polizei außer den Flüchtlingen niemandem den Betritt in das grenznahe Gebiet erlaubte, wurden alle Mitglieder des Teams von den Geflüchteten davor gewarnt, Türkisch zu sprechen. Wenn die Sicherheitskräfte unter den Flüchtlingen Türk*innen bemerkten, würden sie diese sofort entfernen.

Während dieser Expedition stellten wir eine starke Zirkulation von Flüchtlingen in der Gegend zwischen der Grenze und der Stadt Karaagac fest. Das Flüchtlingscamp war durch eine Zaun abgeriegelt, doch etwa 20 Meter von der griechischen Grenze entfernt konnten sie durch ein Loch im Zaun durch gehen. (Während wir dort waren, beobachteten wir ein Militärfahrzeug, das ein aufblasbares Gummiboot in das Gebiet brachte.)

Auf dem Weg, der zur Grenze führte, standen Tausende von flüchtenden Menschen in einer Reihe. Diese Schlange, die sich über mehrere Kilometer erstreckte, führte zur Verpflegung und den Toiletten.

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Während der Zeit, die unser Team in dem Gebiet verbrachte, wurde alle fünf Minuten Tränengas auf die Flüchtlinge geworfen, was vor allem Kinder und Frauen schwer traf.
Es wurde auch beobachtet, dass griechische Soldat*innen mit Wasserwerfer und Plastikgeschossen eingriffen. Als Reaktion darauf warfen einige Flüchtlinge die Gasgranaten auf die griechische Seite zurück, während Andere Seile an den Zäunen an der Grenze befestigten und an ihnen zogen, um die Zäune zu zerstören. In diesem Gebiet gab es eine große Menge Tränengas und Hochdruckwasser.
Die flüchtenden Menschen warfen Steine auf die griechischen Soldat*innen auf der anderen Seite der Grenze, und die griechischen Soldat*innen warfen Steine auf die Flüchtlinge.
Wir stellten fest, dass einige der Tränengasgranaten, die wir in diesem Grenzgebiet sahen, mit der Aufschrift „made in Turkey“ versehen waren.
Es war verboten, an der Grenze zu fotografieren. Die Polizei, die unser Team bemerkte, wies uns an, das Gebiet zu verlassen und nicht wieder zurückzukehren.

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Kommunikation mit den Flüchtlingen

Die Flüchtlinge, mit denen wir sprachen, sagten, sie seien an die Grenze gekommen, weil ihnen gesagt wurde, dass die Grenzen zu Griechenland offen seien. Sie erwarteten weder solche Zustände und noch dass keine ihrer Bedürfnisse erfüllt würden, insbesondere die gesundheitlichen Bedürfnisse.

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Sie sagten, die türkischen Soldat*innen hätten ihnen gesagt, sie sollen „die Grenzen durchbrechen, wir werden euch unterstützen“ und schlugen vor, Frauen und Kinder mitzunehmen, wenn sie die Zäune durchbrechen gehen. Sie erzählten auch, dass die Soldat*innen schlafende Flüchtlinge treten, um sie aufzuwecken, und sagten: „Wenn du weiterhin so schläfst, wird dir niemand die Tore öffnen.“
Sie schilderten, wie am dritten Tag ihrer Ankunft an der Grenze ein roter Pfefferspray von der griechischen Seite auf sie gesprüht wurde und einige Menschen wegen des Gases ohnmächtig wurden. Viele konnten nicht mehr atmen, und eine schwangere Frau hatte eine Fehlgeburt. Obwohl sie wiederholt um einen Krankenwagen gebeten haben, kam keiner.
Sie sagten, dass es ihnen meistens nicht erlaubt sei, in das Dorf zu gehen, um einzukaufen und dass einigen flüchtenden Menschen gesagt wurde, dass sie nach Istanbul zurückgebracht, in Busse gesetzt und an einem Flussufer ausgesetzt würden, um Griechenland unter Druck zu setzen.
Sie beschwerten sich, dass die Toiletten und Duschen auf dem Campingplatz nicht ausreichend seien und dass sie sich wegen der sehr langen Schlange für das Essen um 9 Uhr morgens anstellen müssten, damit sie um 18 Uhr etwas zu essen bekommen. Sie fügten hinzu, dass die Verpflegung willkürlich sei und dass den Männern manchmal das Essen verweigert werde, damit sie die Grenzen überqueren würden.
Sie berichteten, dass es jeden Tag, vor allem abends, zu Zusammenstößen zwischen den Flüchtlingen und den griechischen Soldat*innen komme. Die griechischen Grenzsoldaten verwenden Tränengas und Wasserwerfer.
Da in dem Gebiet, in dem die Zusammenstöße stattfinden, auch das Camp ist, sind die Menschen ständig von Tränengas umgeben.
Sie berichteten von toten und vermissten Kindern und Erwachsenen im Niemandsland, und nur ein einziges mobiles Krankenhaus, dass Zehntausende von Menschen versorgen sollte.
Sie sagten, es gäbe einen Weg von der Grenze zum Zentrum der Stadt Karaagac, und zu bestimmten Tageszeiten erlaubten die Sicherheitsbeamt*innen den Flüchtlingen, diesen Weg zu nehmen.

Darüber hinaus hatte einer der Menschen, mit denen wir sprachen, Granatsplitter unter der Haut in der Nähe seines Auges und ein anderer hatte Einschusslöcher in seinem Pullover. Wir versuchten, den Mensch mit dem Splitter in Augennähe ins Krankenhaus zu bringen, aber er weigerte sich, weil er Angst hatte, dass er nicht zurückkehren könnte.

Fazit

Was wir an der Grenze gesehen haben, ist eine menschliche Tragödie. Selbst die grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen, die von der türkischen Regierung ermutigt wurden, an die Grenze zu gehen, werden nicht erfüllt. Flüchtlinge, die an der Grenze schwere Menschenrechtsverletzungen erleiden, sind in tödlicher Gefahr. Trotz alledem haben wir auch die Solidarität zwischen ihnen beobachtet.

Ein Problem, dass nur von den Ländern gelöst werden kann, hat durch das Missmanagement der Regierungen enorme Ausmaße angenommen und ist zu einer Krise geworden. Tausende von Menschen, die aus politischer Laune an der türkisch-griechischen Grenze ausgesetzt wurden, sind mit Hunger, Durst und Krankheiten konfrontiert. Obwohl diese schrecklichen Folgen einer politischen Entscheidung vorhersehbar war, wurden diese Menschen, die im Rahmen der internationalen Gesetze als „Gäste“ bezeichnet werden, zwischen zwei verfeindeten Ländern in der Schwebe gelassen.

Wir, die „Association of Bridging Peoples“, konnten in dem Grenzgebiet, wo 10 000 bis 20 000 Flüchtlinge warten, zwischen 500 und 1000 Menschen erreichen, und als Organisation der Solidarität werden wir weiterhin versuchen, ihre Grundbedürfnisse im Rahmen unserer Möglichkeiten zu befriedigen.

Hier rufen wir die Länder der Europäischen Union auf: Wenn die Energie und die Mittel, die ihr für die Abriegelung eurer Grenze aufbringt, zur Verhinderung oder Beendung von Kriegen eingesetzt würden, wären diese Menschen nicht gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und an euren Grenzen zu leiden.
Öffnet die Grenzen und anerkennt das Recht der flüchtenden Menschen auf ein Leben!


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